Zehn Jahre Finanzkrise
Wirtschaft

Das Versagen der Marktutopie

Von Silke Ötsch
09:34

Regierungen entscheiden sich entweder für ausgeglichene Budgets und stabile Währungen auf Kosten von Löhnen und Sozialleistungen. Oder sie wählen eine protektionistische und imperialistische Politik. Eine Koalition aus nationalistisch und konservativ gesinnten Kräften verhindert Versuche, Wirtschaftskrisen der Nationalstaaten durch eine international koordinierte Sozial- und Wirtschaftspolitik zugunsten der unteren Klassen zu lösen.

Gesellschaften mit antiimperialistischen Leitvorstellungen und international ausgerichteter Wirtschaft schwenken innerhalb weniger Jahrzehnte auf nationalistische Politiken um. Bevor die Wende zum Faschismus einsetzt, zeigen sich Symptome wie die Verbreitung „irrationalistischer Philosophien, rassistischer Ästhetiken, antikapitalistischer Demagogie, ausgefallener Auffassungen über Währungsprobleme, Kritik am Parteiensystem, weitgehende Verunglimpfungen des Systems“ der demokratischen Ordnung.

Soweit in Kürze Karl Polanyis Beschreibung der großen Transformation, des Übergangs der Marktgesellschaft in den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Demnach wurden im 19. Jahrhundert Marktinstitutionen eingeführt, die Mensch, Natur und Geld als Ware behandeln. Das führt zu Spannungen, die sich in Gewalt entluden.

Dass nachfolgende Generationen wieder Marktinstitutionen alternativen gesellschaftlichen Zielen überordnen, ist wenig beruhigend. Symptomatisch dafür ist die Aufarbeitung der 2008 ausgebrochenen Finanzkrise: ein paradoxer Fall von Marktgläubigkeit und Eingriffen zugunsten etablierter Marktakteure: Reformen des Finanzsektors sind von einer großen Kleinteiligkeit, halbherzig, voller Kompromisse, verkomplizieren das System und können eine nächste Krise vergleichbaren Ausmaßes nicht verhindern.

Finanzunternehmen können Regulierungen ausweichen, etwa über den Schattenbankensektor. Je näher das Jubiläum Zehn-Jahre Finanzkrise rückt, umso bescheidener werden die Regulierungsvorhaben. Die Finanzialisierung der Gesellschaft, die sich beispielsweise in kapitalmarktgedeckten Pensionen abzeichnet, wird kaum problematisiert. Dass Ungleichheiten zur Ansammlung von Kapital an Finanzmärkten führen, ist ebenso selten Thema.

Regulierungen reparieren größtenteils das alte Finanzsystem, ohne jedoch die Überordnung der Märkte zu hinterfragen. Bekannterweise wiederholt sich Geschichte nicht. Wenn Gesellschaften nicht lernen, aber vielleicht doch.

 

Die Autorin ist Soziologin.

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