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Geht es für beide weiter? So wie in Düsseldorf stehen vielerorts die Filialen von Karstadt und Kaufhof in unmittelbarer Nähe zueinander.
Karstadt und Kaufhof
Wirtschaft

Hochzeit der Erzrivalen

Von Frank-Thomas Wenzel
17:59

Die Verträge sind unterzeichnet. Karstadt und Kaufhof schließen sich zusammen. Damit wird umgesetzt, was seit mehr als einem Jahrzehnt im Schwange war. Die Fusion soll die arg in Bedrängnis geratenen Warenhäuser stabilisieren. Zugleich wird ein komplexer milliardenschwerer Immobiliendeal mit zahlreichen Standorten in besten Innenstadtlagen umgesetzt.

Die Bildung des neuen Gemeinschaftsunternehmens ist ein Triumph für den österreichischen Selfmade-Milliardär René Benko, der zunächst Karstadt für einen symbolischen Euro erworben und dann gerettet hatte, aber bei der Übernahme von Kaufhof in mehreren Anläufen gescheitert war. Medienberichten zufolge nimmt Benkos Signa-Gruppe nun insgesamt rund eine Milliarde Euro in die Hand, um den Rivalen unter eigene Kontrolle zu bringen.

Signa teilte am Dienstag mit, strategisches Ziel sei, das Einzelhandelsgeschäft zukunftsfähig zu machen und einen „führenden Omnichannel-Händler entstehen zu lassen“. Gemeint ist damit die Verknüpfung des stationären mit dem Onlinehandel. Sowohl bei Karstadt als auch bei Kaufhof liegt da seit Jahren vieles im Argen.

Der neue Warenhausgigant wäre mit etwa fünf Milliarden Euro Umsatz hinter El Corte Inglés aus Spanien die Nummer zwei in Europa. Das Unternehmen soll zu 50,01 Prozent den Österreichern und zu 49,99 Prozent der kanadischen Hudson’s Bay Company (HBC) gehören, die Kaufhof vor drei Jahren für 2,5 Milliarden Euro gekauft hatte.

Zu der neuen Gruppe gehören insgesamt 243 Standorte in Europa. Denn nicht nur die Karstadt- und Galeria-Kaufhof-Warenhäuser sind im Portfolio, sondern auch die HBC-Designer-Outlets namens Saks Off 5th sowie die Aktivitäten der Kanadier in Belgien und in den Niederlanden. Das Sagen im operativen Geschäft wird Stephan Fanderl haben, der als Vertrauter von Benko gilt und die Sanierung von Karstadt umgesetzt hat, was ihm viel Respekt in der Branche eingebracht hat.

Eine ungleich größere Aufgabe erwartet ihn nun. Seit Jahren kursieren Spekulationen, dass die Fusion der beiden Warenhausbetreiber die Schließung zahlreicher Häuser zur Folge haben wird, die in Innenstädten vielfach in unmittelbarer Nähe zueinander liegen. Ein Szenario wäre, dass Immobilienexperte Benko zahlreiche Standorte in guten Lagen gewinnbringend anderweitig verwertet. Immer wieder ist in der Branche zu hören, dass es Benko letztlich um lukrative Deals mit Grundstücken und Gebäuden geht.

Zu eventuellen Schließungsplänen machten die beiden Unternehmen am Dienstag keinerlei Angaben. Österreichische Medien berichteten aber von einem „Geheimplan“ Benkos. Er wolle 300 Millionen Euro in die Sanierung von Kaufhof und in Abfindungen für Beschäftigte stecken. Bis zu 5000 der 20 000 Arbeitsplätze wolle er streichen, aber nur wenige Warenhäuser dichtmachen.

KonkurrenzkampfBlick in die Vergangenheit

Jahrzehntelang waren sie erbitterte Konkurrenten. Nun schließen sich Karstadt und Kaufhof zusammen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die Warenhäuser sind eng verbunden – miteinander und mit der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

KonkurrenzkampfWie alles begann

Wie alles an der Ostsee begann: Ende des 19. Jahrhunderts nehmen zwei deutsche Unternehmer etwa 120 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt ihr Geschäft auf. In Stralsund vor der Insel Rügen steht die Wiege von Kaufhof. Dort öffnet Leonhard Tietz 1879 seinen kleinen Bekleidungsladen mit 25 Quadratmetern Verkaufsfläche. Zwei Jahre später legt in Wismar der Färbersohn Rudolph Karstadt mit einem Tuchgeschäft den Grundstein für die spätere Warenhauskette unter seinem Namen. Die Kaufmänner setzen auf feste Preise und Barzahlung statt auf Feilschen und Handeln.

KonkurrenzkampfBeide Häuser wachsen

Als die Häuser größer wurden: Um 1890 zieht Tietz ins wirtschaftlich aufblühende Rheinland, macht sein Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft und ebnet den Weg dafür, dass die Leonhard Tietz AG 40 Jahre später schon 43 Kaufhäuser besitzt. 1931 gehört das Unternehmen zu den drei Top-Warenhäusern in Deutschland. Größer sind seinerzeit nur die von seinem Onkel Hermann Tietz gegründete Kette Hertie – und an der Spitze: Karstadt. Dessen Expansion hatte bereits drei Jahre nach dem ersten Geschäft in ganz Norddeutschland begonnen. 1931 sind es rund 90 Kaufhäuser.

KonkurrenzkampfTiefe Einschnitte

Verfolgung unter den Nazis: Beide Firmen müssen in der Weltwirtschaftskrise tiefe Einschnitte hinnehmen, Filialen schließen. Die Nationalsozialisten stellen Kaufhäuser als „jüdische Erfindung“ dar. Karstadt unterwirft sich den Forderungen, Angestellte zu entlassen. Die Leonhard Tietz AG wird 1933 wie andere Häuser mit jüdischen Eigentümern auch (etwa Hertie und Schocken) enteignet – und in „Westdeutsche Kaufhof AG“ umbenannt. Nach dem Krieg wird die Familie Tietz entschädigt.

KonkurrenzkampfWirtschaftswunder

Wirtschafts-Wunder-Kinder: Nach dem Zweiten Weltkrieg sind 35 der 40 ehemaligen Tietz-Filialen von Bomben zerstört. Konkurrent Karstadt verliert außerdem Häuser in den abgetretenen deutschen Ostgebieten und auf dem Territorium der DDR. Doch nach der Währungsreform geht es durch den zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung in Westdeutschland und die erhöhte Nachfrage nach Konsumgütern für beide bergauf. Die frühere Tietz AG expandiert in der ganzen Bundesrepublik und trägt von 1953 an den Namen Kaufhof. Nach Angaben des Fachmagazins „Textilwirtschaft“ erleben Kaufhäuser in den 1970er Jahren ihre große Blütezeit und erobern einen Marktanteil von etwa 15 Prozent.

KonkurrenzkampfTrendwende

Die Trendwende: Mit der Entstehung der Shopping-Center, die verschiedene Läden unter einem Dach vereinen und damit auch ein volles Sortiment anbieten, verlieren Warenhäuser ihre Sonderstellung und ab den 1980er Jahren auch stetig Marktanteile. Es rumpelt mächtig im Kaufhaus-Segment. 1980 steigt der Großhandelskonzern Metro bei Kaufhof ein. 1994 schluckt Kaufhof noch den Konkurrenten Horten. Und auch Karstadt geht in den 1990ern auf Einkaufstour: Das Unternehmen verleibt sich Hertie ein – und damit auch die Nobelkaufhäuser KaDeWe in Berlin und das Alsterhaus in Hamburg.

KonkurrenzkampfBergab

Es geht bergab: Der Warenhaus-Sektor kommt nicht zur Ruhe. Neben Einkaufszentren und Spezialmärkten machen ihm auch Online-Shops wie Amazon und Billiganbieter wie H&M zu schaffen. Bei Karstadt steigt 1997 die Schickedanz-Gruppe mit ihrem Versandhaus-Flaggschiff Quelle ein. 2009 geht die mittlerweile in Arcandor umbenannte Karstadt-Quelle in die Insolvenz, es kommt zu einem massiven Stellenabbau und zu Filialschließungen. 2010 kauft der Privatinvestor Nicolas Berggruen die Warenhaus-Tochter heraus. Auch die Kaufhof-Mutter Metro muss sparen. Seit 2007 wird immer wieder über einen Verkauf der Kaufhaus-Sparte spekuliert.

KonkurrenzkampfNeue Eigentümer

Die neuen Eigentümer: Nicht lange hält Berggruen an Karstadt fest. Zuerst übernimmt der österreichische Immobilieninvestor René Benko die Mehrheit an den Sport- und Luxushäusern, im August 2014 geht dann ganz Karstadt für einen symbolischen Euro an Benkos Signa-Holding. Kein Jahr später zeigen die Österreicher auch Interesse am Rivalen Kaufhof, doch verlieren sie den Bieterstreit hier gegen die kanadische Hudson‘s Bay Company (HBC). So verkauft Metro im Juni 2015 seine Warenhäuser für 2,8 Milliarden Euro an den Bieter aus Nordamerika.

DachzeileÜberschrift

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Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI-Handelsinstituts, betont indes: „Das Filialnetz kann in dieser Größe bestimmt nicht erhalten werden.“ Es gebe allerdings keine Faustformel dafür, welche Filialen erhalten werden könnten und welche nicht. „Da muss man bei jedem einzelnen Standort ganz genau hinschauen.“ Warenhäuser seien nach wie vor in bestimmten Sortimenten teils sehr erfolgreich.

Einen extrem schweren Stand haben sie allerdings bei Mode, die ungefähr die Hälfte des Umsatzes ausmacht. Ketten wie Primark, H&M und Zara sind hier erheblich schneller und preiswerter. Und von Unternehmensberatern ist immer wieder zu hören, dass die einstigen Konsumtempel ihre wichtigste Funktion eingebüßt hätten. Einst standen sie für Vielfalt und Preistransparenz. Dies können Kunden heute viel besser über das Internet realisieren.

Um dennoch bestehen zu können, werden sich Fanderl und seine Leute daran machen, Kosten zu senken. Als sicher gilt, dass sie Logistik und Verwaltung komplett umbauen wollen. Als Favorit fürs neue Hauptquartier wird die bisherige Kaufhof-Zentrale in Köln gehandelt. Die Karstadt-Verwaltung in Essen würde folglich dicht gemacht. Das würde auch Arbeitsplatzabbau bedeuten.

Derweil fordert Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Jürgen Ettl den Erhalt aller insgesamt 32 000 Stellen und aller Standorte in Deutschland: „Die Fusion darf nicht zu Lasten der Arbeitnehmer gehen.“ Ziel müsse Wachstum statt Restrukturierung sein. Ettl verwies darauf, dass gerade die Beschäftigten von Karstadt positive Perspektiven verdient hätten. Über viele Jahre haben sie unter anderem auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet und damit maßgeblich zum Überleben von Karstadt beigetragen.

Die Fusion der beiden Warenhausketten ist eine Folge dessen, dass HBC zuletzt zunehmend unter Druck geraten war: Kaufhof wurde mit Rabattschlachten und einer verfehlten Sortimentsstrategie tief in die roten Zahlen gewirtschaftet. Großaktionäre des kanadischen Einzelhandelskonzerns machten sich sogar für den kompletten Ausstieg aus dem Europa-Geschäft stark. Nun soll es ein Teilrückzug werden. Man sei jetzt in der Lage, sich stärker auf die ebenfalls schwierigen Aktivitäten in Nordamerika zu konzentrieren, sagte HBC-Vorstandschefin Helena Foulkes. Die Finanzkraft des Konzerns werde gestärkt. Das hat vor allem mit einem komplexen Immobilien-Deal zu tun, der mit der Fusion einhergeht.

Signa erwirbt nach eigenen Angaben die Hälfte des Immobilienbestandes von HBC in Europa. Es geht dabei um insgesamt 57 Objekte. Daneben kauft Benkos Holding zu hundert Prozent den Kaufhof-Standort in Köln und das sogenannte Carsch-Haus in Düsseldorf. HBC will mit den Erlösen unter anderem Schulden zurückzahlen. HBC hebt in einer Mitteilung hervor, dass diese Transaktion einen Nettoerlös von 411 Millionen Euro bringe.

Ob all diese Pläne auch tatsächlich umgesetzt werden können, hängt auch vom Bundeskartellamt ab. Dessen Präsident Andreas Mundt kündigte an, die Fusionspläne genau unter die Lupe zu nehmen: „Wir stellen uns auf ein extrem umfangreiches und aufwendiges Verfahren ein.“ Es müssten sowohl die Folgen für die Kunden als auch für die Lieferanten geprüft werden. Das wird Monate dauern.

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