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Der Sommerschlussverkauf lockt tausende Kunden in die Innenstädte. Er ist daher sehr wichtig für die Händler.
Sommerschlussverkauf
Wirtschaft

Auf die Plätze, fertig, wühlen!

Von Frank-Thomas Wenzel
19:30

Am Montag beginnt die Jagdsaison. Die Vorboten sind schon in vielen Schaufenstern zu sehen. Knallrote Schilder mit der Aufschrift „Sale“. Sommerschlussverkauf (SSV) nennt sich die konzertierte Aktion des Handels. Preisbewusste dürfen sich freuen. Es machen immer mehr Händler mit, und sie wollen höhere Rabatte gewähren als im Vorjahr. Das geht aus einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) hervor. Auch der Branchendachverband HDE rechnet mit hohen Nachlässen. Denn: „Die Lager der Händler sind noch gut gefüllt, sie müssen aber für die Herbst- und Winterkollektionen geräumt werden“, sagt ein HDE-Sprecher.

Sommerschlussverkauf – das war einmal eine gesetzlich strikt geregelte Angelegenheit. Die Rabatte auf gesamte Sortimente durften offiziell nur vom letzten Montag im Juli an für die folgenden zwei Wochen gewährt werden – und bei weitem nicht von allen Einzelhändlern, sondern nur von denen, die Saisonware offerieren. Elektrogeräte etwa waren ausgeschlossen. Der Gesetzgeber hatte das so festgelegt, weil er Pseudo-Sonderangebote verhindern wollte und weil er den Konsumenten nicht zutraute, selbige zu erkennen.

2004 wurden die Bestimmungen abgeschafft. Der SSV ist heute vor allem eine Marketingaktion des Handels. Auch Baumärkte oder Möbelhändler sind längst auf den Zug aufgesprungen. „Der Schlussverkauf erfüllt noch immer seine traditionelle Aufgabe der Lagerräumung, und er funktioniert nach wie vor auch bei den Kunden, weil das seit Jahrzehnten gelernt ist“, sagt der HDE-Sprecher.

Trotz Ferien und hoher Temperaturen würden viele Konsumenten ganz bewusst während der zwei Wochen in die Innenstädte pilgern, um nach den Schnäppchen zu jagen. Wobei dies besonders für Händler in kleineren und mittleren Städten eine enorm wichtige Funktion habe. Da entwickelt sich dann ein regelrechter SSV-Tourismus aus dem Umland.

Dabei gibt es Rabatte inzwischen praktisch das ganze Jahr über. Es haben sich spezifische Muster herauskristallisiert. Röcke, Kleider, Blusen, Hemden, Hosen und Schuhe etwa werden in der ganz frühen Phase zu relativ hohen Preisen angeboten. Das ist die Zeit, da die ganz Modebewussten zuschlagen, die bereit sind, für das topaktuelle Teil auch etwas mehr zu zahlen. Doch schon nach wenigen Wochen gibt es Nachlässe, allerdings nur auf ausgewählte Ware, die oft nicht ganz so gut lief wie erwartet. Vielfach werden im Laufe der Saison immer mehr Artikel heruntergesetzt. Der Höhepunkt ist dann der Schlussverkauf.

Ähnliche Mechanismen lassen sich auch im aktuellen Schlussverkauf erkennen. Die EY-Befragung von 120 leitenden Managern führender deutscher Handelsunternehmen hat ergeben, dass es Preisnachlässe von durchschnittlich 24 Prozent geben wird, das ist etwas mehr als 2014. Bei Sportartikeln, Schuhen und Bekleidung wird es mit Abschlägen bis zu einem Viertel die meisten Schnäppchen geben. Bei Unterhaltungselektronik sind gut 20 und bei Haushaltswaren 16 Prozent drin. Bemerkenswertes Ergebnis der Befragung ist, dass 60 Prozent der Unternehmen beim SSV mitmachen wollen, vor einem Jahr waren es 44 Prozent.

Die EY-Experten gehen davon aus, dass die steigende Rabatt-Bereitschaft eine Reaktion der Branche auf zunehmende Zweifel an der Konsumlaune der Kunden ist. Griechenlandkrise, Meldungen über eine kippelige Konjunktur in den USA und in China und starke Schwankungen an den Aktienmärkten könnten die Ursachen für die wachsende Zurückhaltung sein. Derzeit stufen deutlich mehr Handelsunternehmen als vor einem Jahr die Kaufbereitschaft der Konsumenten als gering ein. Die Branche will also offenbar wachsende Skepsis mit besonders niedrigen Preisen vertreiben.

Der SSV ist längst mehr als ein Shopping-Strohfeuer im Sommer. Die Sonderangebote dienen immer mehr der Kundenbindung. Dabei setzen sich zunehmend raffinierte Praktiken durch. So gewähren gerade Bekleidungsunternehmen gerne ausgewählten Kunden besondere Rabatte – etwa Leuten mit Kundenkarten, die hohe Umsätze bringen. Laut EY-Umfrage operiert ein Drittel der Handelsfirmen mit solchen Spezialangeboten. Und natürlich wird auch das allgegenwärtige Smartphone fürs Marketing eingesetzt, gut ein Viertel der befragten Unternehmen verschickt bereits digitalisierte Rabattmarken, ein weiteres Viertel plant, derartige Aktionen demnächst umzusetzen. Mit solchen Aktionen würden Schnäppchenjäger als Neukunden gewonnen und das Image des Unternehmens werde aufpoliert, betont EY-Partner Thomas Harms.

Doch wie jagt es sich jetzt am besten? Der HDE-Sprecher empfiehlt: Wer ganz bestimmte Artikel sucht, sollte sich am besten schon am Montag auf den Weg machen. Wem es hingegen gleichgültig ist, von welcher Marke die Jeans ist, der sollte cool bleiben und warten. Denn während des Schlussverkaufs gibt es häufig Rabatte auf die Rabatte.

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