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In zehn Jahren werden Freunde beim Besuch im neuen Heim vielleicht eher die Batterie für die Solaranlage im Keller als den Ferrari vor der Haustür bewundern.
Stromspeicher
Wirtschaft

Der Freund in meinem Keller

Von Frank-Thomas Wenzel
09:48

Vielleicht wird man beim Besuch von Freunden in vier, fünf Jahren zunächst einmal in den Keller geführt. Um einen Kasten an der Wand zu bestaunen, auf dem womöglich der Namenszug nebst Logo von Tesla oder der Mercedes-Stern prangt. In dem Kasten wird Strom gespeichert, der von der Solaranlage auf dem Dach erzeugt wird. „Photovoltaik plus Keller-Batterie wird vom Bereich der Investitionsgüter in den Bereich der Konsumgüter wandern. Das wird nicht aufzuhalten sein“, sagt Felix Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik beim Öko-Institut. Der Batterie-Boom wird die deutsche Strombranche kräftig durcheinanderwirbeln. 

Batterien für den Keller – das ist nichts Neues. Etwa seit Beginn des Jahrzehnts werden es jedes Jahr mehr. Nach einer gerade vorgelegten Studie der RWTH Aachen wurden im vorigen Jahr rund 31.000 neue dezentrale Akkus meistens in Eigenheimen installiert. Ihre Gesamtzahl sei damit auf etwa 85.000 gestiegen. Jeder Zweite, der sich eine neue Solaranlage kauft, nimmt die Batterie dazu, die aktuell eine Kapazität von acht Kilowattstunden im Schnitt hat. 

Das macht es möglich, dass Eigenheimer-Besitzer etwa die Hälfte ihres Strombedarfs mit der selbstgemachten Elektrizität abdecken können. Wobei die Autoren der RWTH-Studie betonen, dass diese Teil-Autonomie häufig von Idealisten praktiziert wird, die die Energiewende unterstützen wollen. Technikfans kämen hinzu. „Renditeerwartungen“ spielten bei knapp der Hälfte der Investoren keine Rolle. 

Nur so lässt sich die steigende Nachfrage erklären. Denn: „Stromspeicher für Eigenheimbesitzer mit Photovoltaikanlagen sind noch kein Gewinnmodell“, sagt Peter Schossig vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Die stolzen Besitzer einer Solarstromanlage können den gerade erzeugten Strom zuallererst unmittelbar selbst nutzen. Doch wenn die Sonne so vom Himmel knallt wie in diesem Sommer, entstehen ständig große Überschüsse. Die können ins Netz eingespeist werden. 

Wer eine der üblichen Solarstrom-Hausanlagen dieser Tage installiert, bekommt dafür 12,6 Cent pro Kilowattstunde – für die nächsten 20 Jahre. Wer den Strom in einer Batterie speichert, um ihn dann vor allem abends zu nutzen, spart dann zwar beim Strom vom örtlichen Versorger, der im Schnitt knapp 30 Cent pro Kilowattstunde verlangt. Dennoch lohnt das meisten nicht, weil die Menge des Speicherstroms zu gering und die Kosten für die Batterie zu hoch sind. Der Akku kostet im Durchschnitt 10.000 Euro. Wird die Investition per Kredit finanziert, fallen jedes Jahr mehrere hundert Euro an Zinszahlungen an. 

Doch in der RWTH-Studie ist nachzulesen, dass sich die Akku-Preise seit 2013 halbiert haben. Sie liegen aktuell bei 1300 Euro pro Kilowattstunde, inklusive Mehrwertsteuer und der notwendigen Elektronik für die Steuerung. Weitere Preissenkungen seien zu erwarten. Daran hat auch Fraunhofer-Experte Schossig keinen Zweifel: „Wir kommen der Schwelle für einen lukrativen Betrieb immer näher.“ Sie könne schon innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre erreicht werden.

Treiber dieser Entwicklung ist die Elektromobilität. Denn sowohl in den stationären Eigenheim-Speichern als auch in den Elektromobilen werden Lithium-Ionen-Akkus eingesetzt. Um deren Produktion hochzufahren, sind Dutzende sogenannter Gigafactorys entweder schon in Bau oder in Planung, auch in Europa. So geht Wolfgang Bernhart von der Unternehmensberatung Roland Berger davon aus, dass sich der globale Bedarf bis 2020 auf rund 200 Gigawattstunden steigern wird – etwa vier Millionen E-Pkw ließen sich dann mit Batterien ausstatten. Das wäre fast eine Verdreifachung im Vergleich zu 2017. 

Im Jahr 2025 würden weltweit sogar Akkus mit einer Gesamtkapazität von 800 Gigawattstunden produziert, davon etwa 200 Gigawattstunden in Europa. Allein diese gigantische Ausweitung der Mengen, wird die Batterien erheblich billiger machen. Eine weitere Halbierung der Herstellungskosten wird in vielen Studien für spätestens 2025 erwartet.

Das heizt die Nachfrage an, wodurch die Stückzahlen weiter steigen: Ein Turbo-Effekt, der nicht nur E-Autos, sondern als positive Nebenwirkung auch die Keller-Speicher erheblich billiger und zu einem Produkt macht, dass womöglich eines Tages auch im Baumarkt erhältlich sein wird. Oder beim Autohändler. Daimler oder der E-Autobauer Tesla sind bereits im Geschäft mit stationären Speichern aktiv. 

Treten diese Szenarien ein, wird eine teil-autonome Stromversorgung ein Massenphänomen. „Wir erwarten, dass wir in einem Extremszenario bis zu 15 Prozent des Stromverbrauchs durch dezentrale Eigenverbrauchslösungen abdecken können“, erläutert Matthes vom Öko-Institut. Die Folgen wären weitreichend. Die Einnahmebasis von Stadtwerken und von Betreibern großer Kraftwerke würden erschüttert, weil sie erheblich weniger elektrische Energie verkaufen können. 

EEG-Umlage ist ein dicker Brocken

Matthes macht aber auch darauf aufmerksam, dass das Geschäftsmodell mit den Batterien nur zustande komme, „weil wir relativ hohe Netzkosten, eine Stromsteuer und eine relativ hohe EEG-Umlage haben“. Speicher werden attraktiv, weil der Strompreis für Verbraucher mittlerweile zu zwei Dritteln von Steuern und Abgaben bestimmt wird. Ein dicker Brocken ist die EEG-Umlage, die derzeit bei knapp 6,8 Cent pro Kilowattstunde liegt. Mit den Einnahmen wird die Förderung der Erneuerbaren finanziert. Ein weiterer Faktor sind die Netzentgelte, die die Verbraucher für die Nutzung der Stromnetze zahlen, sie variieren von Versorger zu Versorger und werden ebenfalls pro verbrauchter Kilowattstunde gezahlt. Diese Gebühr macht vielfach inzwischen den größten Posten in der Stromrechnung aus. 

Weniger Netzstrom bedeutet auch, die Steuern und Abgaben müssten auf deutlich weniger Schultern verteilt werden. Besonders Verbraucher, die in Mietwohnungen leben und sich keine Batterie zulegen können, würden zur Kasse gebeten. 

Das dürfte dann heftige Diskussionen über einen Umbau des Abgabensystems beim Strom auslösen. Worauf Umweltschützer und Befürworter eines forcierten Ausbaus der Erneuerbaren schon lange warten. Sie haben immer wieder gefordert, die EEG-Umlage zumindest zum Teil nicht mehr über die Stromrechnung, sondern über eine Art Fonds oder über den Staatshaushalt zu finanzieren. Bei den Netzentgelten wird seit Jahren darüber diskutiert, sie auf eine andere Grundlage zu stellen. So macht Matthes sich dafür stark, dass nicht mehr nach der Menge des verbrauchten Netzstroms, sondern nach der abgerufenen Leistung abgerechnet wird – wichtigster Faktor in Privathaushalten sind dabei E-Herde. Jedenfalls wären dann auch die Selbstversorger stärker im Boot.

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