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Bei Ebbe taucht ein mehrere Kilometer breiter Streifen Land an der Nordsee plötzlich aus dem Wasser auf.
Einfluss des Monds
Wissen

Ohne Mond würde die Welt rasen

Von Friederike Meier
12:26

Mit den Füßen im lauwarmen Wasser planschen, dabei in die Ferne schauen und ein paar Muscheln sammeln. Wer schon einmal an der Nordsee war, kennt das Wattenmeer. Dieses Gebiet, das bei Flut unter Wasser ist und bei Ebbe trocken fällt, gibt es nur Dank des Mondes. Denn er sorgt mit den Gezeiten dafür, dass ein mehrere Kilometer breiter Streifen Land zweimal am Tag überflutet wird.

Es ist aber weit mehr als ein hübscher Anblick oder die Gezeiten und die Wattenmeere, die der Mond der Erde und ihren Bewohnern beschert. Viele seiner Effekte sind indirekt – aber grundlegend für das Leben auf der Erde, wie wir es kennen. „Der wichtigste Einfluss des Mondes auf die Erde ist, dass er seit über vier Milliarden Jahren das Klima stabilisiert“, erklärt der Planetengeologe Ulrich Köhler vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin. Denn ohne den Mond könnte die Erdachse viel stärker schwanken als sie das seit Entstehung der Erde getan hat. Der Äquator der Erde ist um 23,5 Grad gegenüber der Bahn geneigt, auf der sie sich um die Sonne dreht. Nur deshalb gibt es die Jahreszeiten, wie wir sie kennen. Dieser Neigungswinkel ist sehr stabil – und zwar durch den Mond und seine Schwerkraft.

Was passieren würde, wenn der Mond nicht wäre, haben Forscher um den französischen Astronom Jaques Laskar schon in den 1990er Jahren berechnet. Über Jahrmilliarden könnte sie sich weiter neigen, und zwar bis auf 85 Grad. Diese Neigung würde bedeuten, dass die Rotationsachse der Erde sich fast in ihrer Bahnebene befände.

Wie das aussieht, kann man am Uranus beobachten. Mit einem Neigungswinkel von 97 Grad kreist er so um die Sonne, dass ein halbes Jahr die Nordhalbkugel der Sonne zugewandt ist, und ein halbes die Südhalbkugel. Wenn das auf der Erde auch so wäre, wäre das Klima ein anderes: „Es ist wahrscheinlich, dass die Temperaturen auf der Erde extremer wären, wenn es den Mond nicht gäbe“, erklärt Köhler. Außerdem gäbe es, meint er, dann vermutlich viel stärkere Winde.

Ein weiterer wichtiger Effekt des Mondes auf die Erde, ist, dass er die Erde durch seine Schwerkraft abbremst. „Das ist ähnlich, wie wenn Sie ein rohes und ein gekochtes Ei drehen. Das rohe stoppt schneller“, erklärt Köhler. Das liegt daran, dass das flüssige Ei im Inneren sich ebenfalls bewegt und das Ei abbremst. Die Tage auf der Erde wären also viel kürzer, gäbe es den Mond nicht.

Womöglich gäbe es ohne den Mond aber nicht einmal Leben auf der Erde, das mit den kurzen Tagen und den harten Klimabedingungen umgehen müsste. „Das Wettergeschehen auf der Erde spielt sich seit vier Milliarden Jahren in diesem relativ stabilen Rahmen ab. Das könnte dafür gesorgt haben, dass das Leben auf der Erde entstehen konnte“, sagt Köhler. „Denn die Natur liebt stabile Bedingungen.“

Dass der Mond eine Bedingung dafür ist, dass auf der Erde überhaupt Leben entstanden ist, glaubt auch Stephen Kane, Astronom an der University of California. Er beschäftigt sich mit der Suche nach neuen bewohnbaren Planeten – und deshalb auch mit dem Einfluss des Mondes auf die Erde. „Der Mond hat eine wichtige Rolle für das Leben auf der Erde gespielt“, erklärt Kane.
Verantwortlich dafür sind vor allem so genannte Gezeitentümpel. Das sind Pfützen oder Tümpel an Küsten, die während der Flut mit Wasser versorgt sind, bei Ebbe aber keine Verbindung zum Meer haben. „In Gezeitentümpeln können sehr hohe Konzentrationen von Nährstoffen auftreten und so potenziell dazu beitragen, dass sich Leben entwickelt“, erklärt Kane. Um Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zu finden, auf denen es Leben geben könnte, haben er und seine Kollegen sich deshalb auf solche mit Monden spezialisiert.

Bisher verlief die Suche von Kane und seinen Kollegen aber nicht erfolgreich – was aber vor allem an physikalischen Begebenheiten liegt: „Wir können jetzt sicher sagen, dass viele Planeten keine Monde haben können“, erklärt er.

Die Forscher haben die Planeten des Systems „Trappist 1“ untersucht. Es ist etwa 40 Lichtjahre von der Erde entfernt. Sieben Planeten kreisen dort um den Zentralstern. Was Astrobiologen eine „bewohnbare Zone“ nennen, also einen Bereich, in dem Wasser im flüssigen Zustand möglich ist, kann es dort zwar geben – Monde aber nicht. Der Grund: Die Anziehungskraft des Sterns in der Mitte des Planetensystems ist zu stark, sodass die Monde keine stabile Umlaufbahn um die Planeten haben würden. „Das bedeutet, dass auf vielen dieser Planeten die chaotischen Klimabedingungen herrschen könnten, die es auf der Erde ohne den Mond auch gäbe“, sagt Kane.

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