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Proteste im April 2018: De Luftballons haben symbolisch einen Mundschutz an, um auf die streikenden Hebammen aufmerksam zu machen.
Geburten
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Geburtshilfe in Deutschland - ein Trauerspiel

Von Bernd Hontschik
09:16

In Deutschland steigen die Geburtenzahlen seit einigen Jahren wieder an. Seit im Jahr 2011 mit knapp 663.000 Geburten ein absoluter Tiefpunkt erreicht worden war, ist die Geburtenzahl Jahr für Jahr auf inzwischen fast 790.000 angestiegen, also etwa um zwanzig Prozent.

Während es in Deutschland im Jahr 1991 noch fast 1200 Kreißsäle und Entbindungsstationen gab, sind es heute nicht einmal mehr 700. Allein in den letzten zehn Jahren wurden etwa zwanzig Prozent aller Kreißsäle und Entbindungsstationen geschlossen. Bei nur noch 690 Kliniken mit Geburtshilfe ist ein Tiefpunkt erreicht. Zwanzig Prozent mehr Geburten und zwanzig Prozent weniger Kreißsäle. Wie passt das zusammen?

Schwangere wegen Überfüllung zurückgewiesen

Laut Deutscher Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat im Jahr 2017 ein Drittel der Krankenhäuser Schwangere schon in der Geburtsvorbereitung zurückweisen müssen: wegen Überfüllung! Der Deutsche Hebammenverband weiß zu berichten, dass es in vielen Kliniken inzwischen alltäglich ist, dass eine einzige Hebamme drei, mitunter sogar vier Geburten gleichzeitig zu betreuen hat.

Ein Land, das viele Kinder haben will, muss Müttern und Vätern aber eine ausreichende und flächendeckende geburtshilfliche Versorgung garantieren, insbesondere gut ausgebildete und gut bezahlte Hebammen in Krankenhäusern und in der ambulanten Versorgung. Schweden hat beispielsweise zwar sehr viel weniger geburtshilfliche Abteilungen als Deutschland, aber dennoch deutlich weniger Frühgeburten, eine um etwa ein Drittel niedrigere Säuglingssterblichkeit und deutlich weniger Kaiserschnitte, bei denen Deutschland mit einem Anteil von etwa dreißig Prozent hinter Zypern mit fünfzig Prozent fast den Europarekord hält. Was läuft schief in Deutschland? 

Mangel an Hebammen

Hebammen müssen ihre Ausbildung selbst finanzieren. Hebammen werden miserabel bezahlt. Ihre Haftpflichtprämien haben sich von 2002 bis 2017 mehr als verzehnfacht, auf inzwischen über 8000 Euro im Jahr. Dennoch begleiten immer noch rund 2600 freiberufliche Hebammen ein Fünftel aller Geburten in Deutschland – in Kliniken als Beleghebammen, in Geburtshäusern oder bei Hausgeburten. Die Zahl der Hebammen hat sich mit etwas mehr als 20.000 insgesamt zwar nicht verringert, aber immer weniger möchten unter den herrschenden Bedingungen weiterhin Geburten begleiten, immer mehr arbeiten nicht mehr in Vollzeit, da sie nicht davon leben können. So entsteht ein zunehmender Mangel an Hebammen.

Ein Übriges zu diesem Trauerspiel tragen die Vergütungspauschalen in der Geburtshilfe bei, die die Kosten nicht decken und die die operative Geburtshilfe, also die Kaiserschnitte, begünstigen. Es muss daher mehr operiert und es muss gespart werden. Viele Krankenhäuser besetzen frei gewordene Stellen nicht mehr. Wenn ein Kreißsaal geschlossen wird, weil er „rote Zahlen“ produzierte, weichen Schwangere in umliegende Kliniken aus. Dort aber muss auch gespart werden. Dort ist auch kein zusätzliches Personal vorhanden, was die Betreuung weiter verschlechtert und die Arbeitshetze für die Hebammen weiter erhöht – ein Teufelskreis.

Keine Wahlfreiheit für Schwangere

In vielen Regionen Deutschlands gibt es nach Angaben des Hebammenverbandes keine Wahlfreiheit mehr für Schwangere, weil die klinische Geburtshilfe auf wenige zentrale Krankenhäuser konzentriert wurde und die freiberufliche ambulante Geburtshilfe ganz weggefallen ist. Wenn Schwangere eine Hebamme für sich suchen, ist inzwischen auch in Großstädten stundenlanges Telefonieren und hartnäckiges, wiederholtes Anfragen zur Regel geworden. Eine Hebamme mit freien Valenzen zu finden, kommt einem Glücksspiel gleich.

Schon 2013 hieß es im Koalitionsvertrag: „Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher für eine angemessene Vergütung sorgen.“ Davon ist in vier Jahren nicht viel geschehen. Ein Aberwitz. 2018 steht die „flächendeckende Versorgung durch wohnortnahe Geburtshilfe und Hebammen“ genauso wieder im Koalitionsvertrag. Man darf gespannt sein, ob es dieses Mal besser klappt.

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