Medizin
Wissen

David gegen Goliath

Von Bernd Hontschik
12:57

Das Wort hatte ich noch nie gehört. Wir saßen vor vielen Jahren bei einer Fortbildung meiner Chirurgischen Klinik zusammen und hörten einem Kollegen zu. Er berichtete von einer Tagung, die er am Wochenende zuvor besucht hatte. Es ging um die medikamentöse Therapie von bewusstlosen Unfallverletzten im Notarztwagen, also um die unmittelbare Erstbehandlung direkt nach dem Unfall, noch am Unfallort. Streitpunkt auf der Tagung damals war die sofortige hochdosierte Gabe von Cortison.

Die Meinungen darüber waren konträr. Aber als der Kollege einen bestimmten Referenten aus einer norddeutschen Universitätsklinik erwähnte, sagte jemand eine Reihe hinter mir laut und deutlich „Mietmäuler“. Unserem Chef gefiel das gar nicht, es gab einen harten Rüffel für diese Äußerung. Aber das Wort gehörte fortan zu unserem Sprachgebrauch.

„Mietmaul“ - in der Medizin kein spaßiger Begriff

Bei Wikipedia findet sich dieser Spottbegriff nicht, obwohl eine Suchmaschine über 30.000 Treffer im Internet anzeigt. Unter diesen Treffern findet sich beispielsweise jemand, der mit Übersetzungen und Synchronsprechen sein Geld verdient und sich selbst im Spaß als Mietmaul bezeichnet. Oder es wird behauptet, in der Jugendsprache sei „Mietmaul“ ein Synonym für einen Rechtsanwalt, denn der spricht für jemand anderen und wird dafür bezahlt. Das ist auch spaßig gemeint. In der Medizin ist dieser Begriff aber kein bisschen spaßig. Er gilt nämlich Wissenschaftlern, Professoren, Doktoren und sonstigen Experten, die auf Tagungen und in wissenschaftlichen Veröffentlichungen die Meinung derer vertreten, die ihnen viel Geld dafür geben. Da hört der Spaß auf.

Kaum zu glauben, dass es noch nicht einmal zehn Jahre her ist, seit gesetzlich festgeschrieben wurde, dass von Kassenärzten der Nachweis ausreichender Fortbildung verlangt wird. Sie müssen seitdem in Fünfjahresintervallen 250 Punkte sammeln, sonst gibt es Honorarabzüge. Für jede besuchte Fortbildungsveranstaltung werden Punkte quittiert, ganz wenige für einen einzelnen Vortrag, ganz viele für einen mehrtägigen Kongress. CME nennt man dieses Punktesystem: Continuing Medical Education. Und kaum gab es das Gesetz, da gab es auch schon Anbieter. Omniamed heißt einer von ihnen. Er bezeichnet sich selbst als „führend“ und „unabhängig“.

Ärzteinitiative „Mezis“ beobachtet Omniamed

Aber da gibt es eine klitzekleine Ärzteinitiative, auch erst seit zehn Jahren, die nennt sich „Mezis“, was heißen soll: „Mein Essen zahle ich selbst“. Mitglieder von Mezis empfangen keine Pharmavertreter, sie nehmen keine kleinen oder großen Geschenke an, lassen sich nicht auf Kongresse oder zum Essen einladen, und sie beteiligen sich nicht an pseudowissenschaftlichen „Anwendungsbeobachtungen“. Stattdessen beobachten sie die Anbieter von Fortbildung, also auch Omniamed. Das nennen sie bei Mezis dann Omniawatch. Und bei Omniawatch findet man, dass Omniamed überhaupt nicht unabhängig ist, sondern dass dort verdeckte Werbung als Wissenschaft von gut bezahlten Referenten vorgetragen wird. Womit wir wieder bei den Mietmäulern wären!

Und jetzt kommt endlich die gute Meldung: Im Juli 2018 hat die Landesärztekammer Baden-Württemberg erstmals einer Omniamed-Veranstaltung die CME-Punkte versagt. Omniawatch hatte über das Sponsoring und die daraus resultierenden Interessenkonflikte informiert. Ist das ganze schöne Geschäftsmodell jetzt im Eimer?

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