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Ärzte in China nehmen eine Herztransplantation vor.
Organspende
Wissen

Sein Herz verschenken

Von Bernd Hontschik
12:38

Wer bei diesen Bildern nicht erschüttert ist, hat kein Herz. Das ist auch der Sinn dieser Bilder, nur deswegen laufen sie zurzeit auf allen Sendern. Ein junger Mensch liegt da im Krankenbett, schwerkrank, flehende Augen, fahle Haut, überall Schläuche und Batterien von Infusomaten. Mit schwacher Stimme berichtet er, dass ihn jetzt nur noch eine neue Leber retten könne. Für eine Lebertransplantation aber fehle das Organ, sagt dann im nächsten Schnitt der Professor im weißen Kittel mit tief besorgter Miene. Und wieder ein Schnitt, der Reporter vor Ort weiß von 10.000 Patient*innen zu berichten, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten.

Die erste Herztransplantation liegt über fünfzig Jahre zurück. Die Begeisterung kannte keine Grenzen, auch wenn der Patient schon nach wenigen Tagen verstorben war. Von der Begeisterung ist nichts mehr übrig, im Gegenteil. Die Deutschen sind Weltmeister im Spenden, aber nicht bei Organen, da sind sie Schlusslicht. Niemand weiß, warum das so ist. 

Ein Grund sind vielleicht die vielen Skandale. Wartelisten auf Organspenden wurden in der Dringlichkeit manipuliert, Ärzt*innen wurden suspendiert, ja sogar verhaftet, wie noch vor wenigen Tagen der chirurgische Chefarzt der Essener Uniklinik. Ein anderer Grund könnten die Berichte über die „Ausschlachtung“ von Hingerichteten in China sein oder auch der Verkauf von Organen der Ärmsten der Armen in Indien und Pakistan durch kriminelle mafiöse Organisationen, die das Transplantieren in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Vielleicht sät es auch Misstrauen, dass trotz intensiver Recherche nirgends Zahlen über die kurz- und langfristigen Erfolge der Transplantationschirurgie zu finden sind. Wie lange lebt man nach einer Herztransplantation, nach einer Leber- oder Nierentransplantation? Wie viele Organe werden abgestoßen, wie oft muss wieder und wieder transplantiert werden, so wie bei dem Bremer Fußballer Klasnic, der schon seine dritte Niere erhalten hat. Gibt es da etwas zu verbergen?

Vielleicht machen auch die immer wiederkehrenden Geschichten von Patient*innen Angst, die für hirntot erklärt worden waren, kurz vor der Organentnahme aber erwachten und heute einem annähernd normalen Leben nachgehen. Gerade vor wenigen Monaten machte ein 13-Jähriger in Alabama weltweit solche Schlagzeilen.

Der Hirntod ist eine Konstruktion

Wer sich mit dem Begriff des Hirntodes beschäftigt, wird unweigerlich nachdenklich. Bevor die Transplantationschirurgie ihren weltweiten Aufschwung nahm, gab es so etwas wie einen Hirntod nicht. Der Hirntod ist eine Erfindung der Neuzeit, eine Konstruktion. Nur mit dieser Konstruktion kann man überhaupt Organe entnehmen und transplantieren. Denn Organe von Toten kann man nicht verpflanzen. Wann ist man also tot? Ist man tot, wenn man hirntot ist oder ist man es nicht? Vielleicht noch nicht? Ist der Hirntod nur eine besondere Form jeden Lebens, kurz vor dem Ende, eben dem Tod?

Für die, die dringend auf ein Organ warten, ist der Hirntod eine segensreiche Erfindung. Für die potenziellen Spender*innen ist der Hirntod aber eine eher riskante Erfindung, die beängstigen kann. Im Organspendeausweis steht: „Ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden.“ Das ist eine glatte Irreführung. Denn es müsste da stehen, dass ich die Organentnahme bereits vor der Feststellung meines Todes gestatte, solange ich noch am Leben bin, also hirntot.

Die Zustimmung zur Organentnahme ist eine sehr persönliche Entscheidung. Der Gesundheitsminister favorisiert nun laut die Widerspruchslösung: Wer nicht widersprochen hat, hat zugestimmt. Auch wenn ihn inzwischen ein großer Chor – vom Ärztekammerpräsidenten bis hin zur Bundeskanzlerin – unterstützt, lehne ich diese Idee ab. Ich halte es für das Recht eines jeden Menschen, sich nicht mit Fragen nach dem Tod beschäftigen zu müssen. Und ich halte es für ein Menschenrecht, mit einem intakten, vollständigen Körper begraben zu werden. 

Es ist edel und tugendhaft, noch im eigenen Tod anderen Leben zu ermöglichen und mit diesem großzügigen Geschenk Leben zu retten. Aber das kann man nicht einfordern. Es ist hinterhältig, wenn man mit einem Trick dazu gezwungen werden soll.

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