Telemedizin
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Weit entfernt und doch so nah

Von Bernd Hontschik
17:23

Jüngst hat der Deutsche Ärztetag in Erfurt die ärztliche Berufsordnung geändert und das sogenannte Fernbehandlungsverbot aufgehoben. Dieses Verbot besagte, dass ärztliche Behandlungen nicht erlaubt sind, wenn zuvor keine persönliche Konsultation, keine persönliche Diagnostik und Therapieempfehlung, also kein persönlicher Kontakt zwischen Patient*in und Arzt oder Ärztin stattgefunden hatte. So stand es bisher in Paragraph 7 der ärztlichen Berufsordnung. 

Allerdings: Medizinische Notfälle auf Bohrinseln, auf Expeditionen oder Arktisstationen wurden schon immer per Videochats behandelt. Und ein Anruf beim Ärztlichen Notdienst war bisher eigentlich auch nichts anderes als eine Fernbehandlung, ohne persönlichen Kontakt. Fernbehandlungen haben – trotz des Verbotes – manchmal sogar Aufsehen erregt. So haben das Forschungsschiff „Polarstern“ und die Neumayer-Station in der Antarktis eine telemedizinische Versorgung mit einer Klinik in Bremerhaven vereinbart, mit deren Hilfe 2011 sogar eine notfallmäßige Blinddarmoperation an Bord bei Narkosesteuerung aus Bremerhaven durchgeführt werden konnte.

Das Fernbehandlungsverbot gilt also ab sofort nicht mehr. Der Druck war aber auch zu groß geworden, denn ein lukratives Geschäftsmodell drohte der deutschen Ärzteschaft ins Ausland zu entgleiten. 

Findige Kranke haben nämlich schon seit Jahren bei „DrEd.com“ in London Hilfe gesucht und gefunden: „Ärztlicher Rat & Behandlung, online oder per Telefon, von zu Hause, aus dem Büro oder von unterwegs. Sie beantworten einen kurzen ärztlichen Fragebogen. Der Arzt prüft, antwortet und stellt Ihnen ein Rezept aus. Das Medikament erhalten Sie in ein bis drei Werktagen“ heißt es auf deren Website, die eine Online-Beratung durch „erfahrene deutsche Ärzte“ und eine Belieferung mit „deutschen Originalmedikamenten“ verspricht. 

Und auch in der Schweiz kann man im Krankheitsfall anrufen: „Wir bringen den Arzt dorthin, wo Sie ihn brauchen. Und Sie erhalten einen einfachen und schnellen Zugang zu qualitativ hochwertigen medizinischen Behandlungen“, wirbt man auf „medgate.com“. Und dann läuft alles wie von selbst: „Buchen Sie einen Termin für eine medizinische Beratung mit der Medgate App, per Telefon oder mit einem Video-Link – oder rufen Sie uns einfach an. Ein erfahrener Arzt wird Sie zum vereinbarten Datum und Zeitpunkt kontaktieren, Ihre Beschwerden mit Ihnen besprechen und Sie fachkundig behandeln. Wir senden Ihren digitalen Behandlungsplan direkt an Ihre Medgate App oder an Ihre E-Mail-Adresse.“ Ein Konkurrent namens Medi24 kündigte schon einen Tag nach dem Ärztetagsbeschluss an, nach Deutschland zu expandieren. „Medi24.ch“ wirbt als Tochtergesellschaft der Allianz mit bis zu 5000 telemedizinischen Beratungen täglich im Auftrag großer schweizerischer Krankenkassen. Mit den hiesigen Krankenkassen muss also nur noch rasch die Vergütung geregelt werden und dann kann es auch bei uns losgehen.

Das hört sich so an, alles seien damit einige Hauptprobleme der Gesundheitsversorgung in unserem Land ganz einfach gelöst: Die oft viel zu großen Entfernungen bis zur nächsten Arztpraxis, die fehlende Facharztversorgung auf dem Land, die viel zu langen Abstände bis zu einem Arzttermin trotz der neuen Terminvergabestellen, das viel zu lange Warten im Wartezimmer und die viel zu kurzen Konsultationszeiten, wenn man endlich in ein Sprechzimmer vorgedrungen ist. 

Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch, und deswegen hat der Deutsche Ärztetag unter dem Druck der zunehmenden Online-Konkurrenz reagieren müssen. Allerdings werden ernsthaft Erkrankte früher oder später feststellen, dass die virtuelle Konsultation, selbst mit Unterstützung durch Bild- und Video-Dateien, ihre Grenzen hat. Das Abhören der Lunge oder des Bauchraumes, der Tastbefund bei jedweden Schmerzen, das Prüfen und Messen von Gelenkbewegungen, das Sehen und das Hören und das Riechen sind wichtige und unverzichtbare Bestandteile der ärztlichen Arbeit. Diagnosen und therapeutische Konzepte sind individuelle Konstruktionen. Sie sind nie allgemeingültig. Medizin ist und bleibt Beziehungsarbeit. 

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