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Junge Menschen aus Südafrika posieren für die Kamera, um auf die Notwendigkeit von Schutz und Therapie aufmerksam zu machen.
HIV
Wissen

Ganze Generationen sterben an Aids

Von Pamela Dörhöfer
13:46

In den westlichen Industrienationen ist Aids in den vergangenen Jahren zunehmend aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten. Denn eine Infektion mit dem HI-Virus bedeutet hier in der Regel kein Todesurteil mehr, sondern lässt sich mit einer Kombination hochwirksamer Medikamente auf dem Status einer chronischen Erkrankung in Schach halten; die Lebenserwartung gut behandelter HIV-positiver Patienten unterscheidet sich so kaum noch von der gesunder Menschen. In der Sorglosigkeit, die sich dadurch bei der Bevölkerung eingeschlichen hat, sehen Experten einen Hauptgrund für die auch in Deutschland kontinuierlich steigende Zahl der Neuinfektionen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Bilder von ausgemergelt wirkenden Aidskranken, vielleicht sogar einen Todesfall im eigenen Bekanntenkreis – das kennen hierzulande mittlerweile nur noch die über 40-Jährigen.

In ärmeren Ländern hingegen leiden und sterben immer noch viele Menschen an der Immunschwächekrankheit. Das gilt bereits für Teile Osteuropas, betrifft aber vor allem Afrika. Dort sind alleine im südlichen Teil des Kontinents rund 26 Millionen Frauen, Männer und Kinder mit dem HI-Virus infiziert – „so viele wie alle Einwohner der Niederlande und Belgien zusammen“, sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für HIV-Forschung des Universitätsklinikums Essen. Viele dieser Menschen haben keinen Zugang zur Therapie: „Nur etwas über 40 Prozent aller HIV Infizierter Menschen erhalten lebensrettende Medikamente, obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO die sofortige Behandlung aller Infizierter empfiehlt.“ Die Folge: Jedes Jahr sterben 1,2 Millionen Menschen an Aids und den mit der Immunschwäche verbundenen Erkrankungen. „Diese Zahl bedeutet in einigen Ländern den Verlust ganzer Generationen“, erläutert der Wissenschaftler, „der Jungen, Starken, Gebildeten, die das Rückgrat der Wirtschaft und Gesellschaft bilden“.

Als einzige langfristige Hoffnung im Kampf gegen HIV sehen Mediziner die Entwicklung eines Impfstoffs an. Bislang allerdings konnte noch keine Substanz mit zuverlässiger und dauerhafter Schutzwirkung gefunden werden. Mehr als 100 potenzielle Vakzine wurden in den frühen Phasen bereits getestet, nur wenige hingegen in späteren Phasen auf ihre Wirksamkeit, vor HIV zu schützen. Doch bei der Entwicklung gab es immer wieder Rückschläge – etwa 2007, als ein Teststoff die Anfälligkeit für eine Infektion sogar erhöhte anstatt sie zu senken.

Das Hauptproblem besteht darin, dass herkömmliche Mechanismen Impfstoffstrategien bei diesem speziellen Virus entweder nicht funktionieren oder nicht angewendet werden können, erklärt Hendrik Streeck. Die meisten Impfungen basieren darauf, durch abgeschwächte oder abgetötete Erreger oder auch bestimmte charakteristische Bestandteile eines Erregers eine Immunreaktion zu provozieren, durch die der Körper lernt, wie diese Krankheitsauslöser auszuschalten sind. Anders bei HIV. So fehlt alleine schon das natürliche Vorbild für einen Impfstoff. „Bisher hat kein Immunsystem es geschafft, sich von HIV zu heilen“, sagt Streeck. Denn typisch für das Virus sind seine große Vielfalt und hohe Wandelbarkeit: Es ändert ständig sein Gesicht und vermag sich so dem Immunsystem immer wieder aufs Neue zu entziehen. Und ist der Erreger erst einmal in die Zelle eingedrungen und in diese integriert worden, wird es für die Immunabwehr sehr viel schwieriger, den Fremdkörper auszumachen. „Eine ähnliche Problematik wie bei Krebs – aber da HIV auch noch das Immunsystem selbst angreift, ist es noch schwieriger, wirkungsvoll dagegen vorzugehen“, veranschaulicht der Mediziner.

Mittlerweile jedoch gibt es einige hoffnungsvolle Ansätze für eine mögliche Impfung: So entwickelten Forscher 2009 einen Stoff, der bei einem Drittel der insgesamt 8000 geimpften Versuchspersonen Wirkung zeigte. Allerdings war der Schutz nicht von Dauer, sondern ging innerhalb von einem Jahr verloren. „Trotzdem wurde damit bewiesen: Ein HIV-Impfstoff ist potenziell möglich“, sagt Hendrik Streeck.

Aktuell laufen mehrere Studien zu ganz unterschiedlichen Impfkonzepten. Einige bedienen sich sogenannter Vektoren – Überträgern, mit deren Hilfe Bestandteile eines Krankmachers auf ungefährliche Weise in den Körper geschleust werden sollen, um dort eine Abwehrreaktion zu produzieren. So integrierte ein US-Forscherteam Oberflächenmoleküle des HI-Virus in Viren, die einfache Schnupfen auslösen, und verabreichten sie einer Gruppe von Probanden. Die Ergebnisse der ersten Studien mit dem experimentellen Impfstoff bezeichneten die Wissenschaftler als vielversprechend.

Auch der Entdecker von HIV arbeitet an einem Impfstoff

Auch Robert Gallo, 1984 einer der Entdecker des HI-Virus, arbeitet mit seinem Team von der University of Maryland an einem Impfstoff. Der 79 Jahre alte Virologe verfolgt dabei das Ziel, eine Antikörperantwort zu entwickeln, die verhindern soll, dass der Erreger überhaupt erst in die menschlichen Zellen eindringen kann. Dazu muss man verstehen, auf welche raffinierte Weise sich das HI-Virus Zutritt verschafft: Eines seiner Oberflächenproteine, das „gp120“, bindet hintereinander an zwei verschiedene Rezeptoren der weißen Blutzellen, wobei es zwischendurch schnell seine Struktur ändert. Sobald das Viruseiweiß an beide angedockt hat, öffnet sich nach dem „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ die Zelle und der Erreger kann eindringen. Dem Immunsystem bleibt bei diesem Vorgang keine Zeit, Antikörper zu bilden.

Der von den US-Wissenschaftlern um Gallo entwickelte Impfstoff besteht aus einer veränderten Version des Virusproteins gp120, die im Gegensatz zum Original nur an einen der beiden Rezeptoren auf den weißen Blutzellen binden kann. Auf diese Weise bekommt das Immunsystem die Möglichkeit, Antikörper gegen das Virusprotein zu bilden – die Penetration der Zelle würde so verhindert. Bei Versuchsreihen an Affen hat die Antikörper-Produktion funktioniert, als nächstes sollen erste Tests mit Menschen beginnen.

Andere Ansätze richten sich auf einen der wenigen relativ konstant bleibenden Bestandteile des HI-Virus, den CD4-Rezeptor, der allerdings unter einer Art Hülle auf der Oberfläche versteckt liegt und deshalb dem Immunsystem verborgen bleibt. Die Hoffnung: Gelänge es, diese Bindestelle zu besetzen, so hätte das Virus keine Möglichkeit mehr, an die Immunzelle anzudocken.

Das Vaccine Research Center (VRC) des National Institut of Health in den USA versucht unter der Leitung von John Mascola dagegen, Patienten einen einzelnen isolierten Antikörper zu geben, der mehrere Virus-Isolate erkennen kann. Bei dieser so genannten passiven Immunisierung muss der Körper nicht erst noch Antikörper in hohem Maße bilden. Dieses Prinzip wurde letztes Jahr an HIV- Infizierten getestet. Ein Problem bei dieser Methode ist allerdings die grundsätzlich mangelnde Beständigkeit von Antikörpern, erläutert Hendrik Streeck: Der Körper baut sie immer wieder ab, sie müssten deshalb in regelmäßigen Abständen neu gegeben werden.

Eine Alternative zur Immunisierung stellt die kontinuierliche vorbeugende Gabe von Medikamenten dar. In den USA wird sie bereits praktiziert, während Mediziner in Europa bislang eher zurückhaltend sind. „Das ist ein komplizierter Bereich“, sagt Hendrik Streeck, der vor seinem Wechsel nach Essen Chef der Abteilung für zelluläre Immunologie des US Military HIV Research Programs war. Vorgesehen ist diese „Präexpositionsprophylaxe“ ausschließlich für die Hochrisikogruppen, einen hundertprozentigen Schutz kann sie allerdings nicht bieten. Möglich sind dabei verschiedene Methoden der Verabreichung: entweder als Spritze, was derzeit getestet wird, oder als täglich einzunehmende Tablette – beides am besten noch kombiniert mit einem physikalischen Schutz etwa durch ein Kondom, wie der HIV-Forscher erklärt.

Wichtig wäre ein solcher Schutz zum Beispiel für Frauen und Mädchen in Afrika – also jene, die in einer von Männern dominierten Welt meist nicht in der Lage sind, sich gegen ungeschützten Geschlechtsverkehr zu wehren. „Weltweit steigt die Zahl der Erkrankungen bei afrikanischen Frauen und Mädchen am stärksten“, sagt Hendrik Streeck, „und das passiert weitaus stärker als bei den Männern. Es sind die Schwächsten in der Gesellschaft.“

Ein wesentliches Problem bei der HIV-Prophylaxe stellt neben der erforderlichen Langzeitbehandlung und ihren ungewissen Nebenwirkungen die erforderliche Regelmäßigkeit der Einnahme dar: Kommen die Betroffenen nicht mehr, um sich eine Spritze geben zu lassen, oder nehmen sie ihre Tabletten nicht richtig ein, so erlischt die Schutzwirkung.

Eine Impfung bleibe somit der einzige Weg, um Aids wirklich „auszurotten“, sagt Hendrik Streeck, das habe sich in der Vergangenheit auch bei anderen Erkrankungen gezeigt. Dafür müsse die Forschung auf diesem Gebiet noch intensiver betrieben und die internationale Zusammenarbeit weiter verstärkt werden, fordert der Mediziner. Denn: „Kein Wissenschaftler verfügt heute über die Möglichkeiten, einen HIV-Impfstoff alleine zu entwickeln, geschweige denn in Produktion zu bringen und zu testen.“ Auf Streecks Anregung sollen nun in Kooperation mit der Deutschen Aids-Stiftung sämtliche HIV-Forscher in Deutschland miteinander vernetzt und stärker an der internationalen Forschung beteiligt werden. Die Koordinierungsstelle dafür wird am Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Essen eingerichtet, finanzielle Unterstützung kommt von der Schreiter-Stiftung. Die Suche nach einem Impfstoff voranzutreiben, sagt Hendrik Streeck, sei die „soziale Verantwortung“ der reichen Länder – „um jenen zu helfen, die am schlimmsten von der HIV-Epidemie betroffen sind uns sich aufgrund fehlender Finanzmittel ein Leben in Würde nicht leisten können“.

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