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Tölpelhaft? Nein, eher clever: Basstölpel mit ihren Jungen auf der Insel Helgoland.
Vögel
Wissen

Basstölpel, Ziegenmelker und Trottellumme

Von Eckart Roloff
14:55

Woher hat die Zwergmöwe ihren Namen? Klarer Fall: Sie ist kleiner als andere Möwen. Und der Graureiher heißt Graureiher, weil er grau ist, wenn auch nicht überall. Das Rotkehlchen wurde nach seiner orangeroten Kehle samt Brust benannt, und der Wendehals, weil er seinen Kopf akrobatisch verdrehen kann. Alles ganz anschaulich und schnell zu erkennen. So handlich kann Wissenschaft sein.

Doch der erste Eindruck täuscht. Das macht es ganz unterhaltsam, sich mit Vogelnamen zu befassen und den oft rätselhaften Ableitungen. Wenn ein Geschöpf Worte wie Baum, Schilf, Nebel und Eis im Namen führt (also Baumfalke, Schilfrohrsänger, Nebelkrähe, Eisbär), dann wird es einen passenden Zusammenhang geben. Aber haben andere Falken nicht auch mit Bäumen zu tun – und nur die Nebelkrähen mit Nebel?

Pudrig-weiße Unterseite führt in die Irre

Einfache Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Und außerdem: Wie kommen Tiere neben leicht fasslichen Namen wie Kuckuck und Katze zu so merkwürdigen Konstruktionen wie Taschenratte, Blauflossenknurrhuhn, Papierboot, Kommafalter und geohrte Wendeltreppe?

Das lässt sich nicht mit einem Satz erklären, dahinter stecken jahrhundertealte Zuordnungen mit manchen Debatten. Schon Aristoteles und Plinius hat das beschäftigt, ebenso den Staufer Friedrich II. und Albertus Magnus. Vor allem jedoch Carl von Linné, den alten Schweden, der 1707 als adelsfreier Linnæus zur Welt gekommen war.

Viele Gelehrte haben sich lange darauf konzentriert, die Fülle der Natur mit ihren unzähligen Gattungen, Familien, Arten und Unterarten mit wenigen Worten und den zwei Dutzend Buchstaben des Alphabets zu erfassen. Da musste es Irrungen und Wirrungen geben, Missverständnisse, Abwege und Verballhornungen. Und so hat der recht clevere Basstölpel nach neuerer Erkenntnis weder mit einem Tölpel noch mit einem Bass zu tun (das kommt vom schottischen Inselfelsen Bass Rock), und die Mehlschwalbe nur entfernt mit Mehl – ihre Unterseite ist so schön pudrig-weiß, dass man ihr unterstellt, sie müsse in Mehl gebadet haben.

Den Alpenstrandläufer verbindet nichts mit Alpen und Strand – diese Kreuzung wäre geografisch auch zu selten -, sondern damit, dass Linné bei seiner berühmten Expedition durch Lappland die dortigen Gebirgszüge als Alpen bezeichnete und Vögel fand, die sich gern an Ufern tummelten. Er ordnete ihnen 1758 den Namen Calidris alpina zu, ein Rückgriff auf kleine, graue Wasservögel, denen wohl Aristoteles die Bezeichnung skalidris gegeben hatte.

Klar dürfte sein, dass ein Mönchsgeier nichts mit Mönchen zu schaffen hat, der ebenso scheue wie farbenfrohe Papstfink (aus der Familie der Kardinäle!) nichts mit dem Papst, der Dompfaff nicht mit Domen. Oder doch? Nun, vom Mönchsgeier wird gesagt, dass sein dunkelbraunes Gefieder einer Mönchskutte gleiche (weshalb ihn manche Experten auch Kuttengeier nennen), und vom Dompfaff heißt es, dass sich seine hübsche rötliche Brust auf die roten Talare von Domprälaten beziehe. Nebenbei: Einen Göttervogel gibt es auch, er lebt in den Regenwäldern Neuguineas und gehört – natürlich – zu den Paradiesvögeln.

Melkt der Ziegenmelker Ziegen?

Doch wie ist das mit dem Ziegenmelker? Melkt er Ziegen? Wie stellt er das an? Nein, es sieht nur so aus, weil er, auch unter dem Namen Nachtschwalbe segelnd, gern in der Nähe von Schaf- und Ziegeneutern nach Insekten jagt. Das wirkt fast so, als würde er sie dabei melken. Die aus dem Fernen Osten stammende Mandarinente hat nicht direkt mit Obst zu tun, sondern mit den alten chinesischen Beamten, die Mandarine hießen und eine gelbliche Uniform trugen. Von der Schnatterente meinen die Fachleute, sie schnattere nicht, sondern knarre oder knätsche – so lautmalend steht die Sprache für schwere Fälle bereit.

Beim Kiebitz und dem Kiebitzregenpfeifer ist es so, dass sie dem Namen zum Trotz so wenig miteinander verwandt sind wie der Kaiserpinguin mit der Kaisergans. Vermutlich gab es hier einmal einen Übersetzungsfehler. Nicht wörtlich sind auch die in Amerika heimischen Singvögel zu nehmen, die ein „Tyrann“ im Namen führen, etwa der kleine Rotkopftyrann, der schlanke Kronentyrann und der unauffällige Ufertyrann. So toll und diktatorisch treiben sie es nicht.

Eindeutig sind dagegen die Fälle, die nach Leuten vom Fach benannt wurden – so der Baird-Strandläufer, der Maximilianpapagei, die Dupont-Lerche und die Bonaparte-Möwe (freilich stand hier nicht Napoleon Pate, sondern der Ornithologe Charles Bonaparte). Zum Schluss noch ein Tipp zur Trottellumme. Bringen Sie bei der nächsten Party die Sprache geschickt darauf, dass angeblich niemand weiß, woher dieser skandinavische Tauchvogel seinen Namen hat, der es immerhin schon auf eine norwegische Briefmarke gebracht hat. Sie aber haben eine starke Vermutung und machen damit Eindruck: Der allwissende Linné soll diese Art nach seinem italienischen Kollegen Troili benannt haben; in unserer Sprache wurde daraus die Troillumme.

Manche Leute redeten aber einfach von der dummen Lumme, weil sie sehr behäbig statt flott flüchtend und flatterhaft ist. Und allmählich wurde daraus die Trottellumme. Klingt viel einfacher, hat aber einen langen phonetischen Flug hinter sich.

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