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Pottwale durchwandern alle Ozeane. Ihre Artgenossen im Mittelmeer dagegen leben nahezu isoliert.
Wale
Wissen

Die unbekannten Riesen im Mittelmeer

Von Simon Berninger
14:19

Es zeigt sich nur für wenige Sekunden als ein langes, graues Etwas an der Wasseroberfläche. Ungeschulte Beobachter dieses raren Moments könnten das treibende Grau leichthin für ein unredlich entsorgtes Stück Plastik halten, wovon doch viel zu viel im Meer herumschwimmt. Auch im Mittelmeer. Doch dann schießt eine weiße Fontäne schräg aus dem Grau heraus. Unverkennbar: ein Pottwal. 

Alle anderen Arten der Meeressäuger entladen den Walblas senkrecht nach oben, wenn sie beim Auftauchen ihre mit Flüssigkeit gesättigte, 37 Grad warme Atemluft kräftig aus ihrem Nasenloch pusten. Ein kurzer Ausatmer, dann taucht der Pottwal wieder ab, zeigt zuletzt seine Fluke und hinterlässt nur noch einen glatten Kreis auf der Wasseroberfläche.

„Fußabdruck“ sagen Walforscher wie der schottische Biologe Luke Rendell dazu. Das glatte Rund, das durch die enorme Wasserverdrängung entsteht, wenn der Koloss abtaucht, ist eine wahre Goldgrube für die Forschung. Dort bleiben von dem im Meer abgetauchten Wal abgeschorfte Hautfetzen oder Darmentleerungen zurück, die wissenschaftlich wertvolle Informationen über die DNA, die Ernährung oder mögliche Parasiten des Tieres enthalten. 

Nach solchen Spuren sucht Rendell für sein „Balearic Sperm Whale Project“ auch in den Gewässern rund um Mallorca, ebenso wie nach den Schwanzflossen der Meeressäuger – als Kameramotiv, versteht sich. Denn die Fluke eines Wales ist so einmalig wie der Fingerabdruck eines Menschen. 

Aufnahmen davon lassen bei der Auswertung unter anderem Rückschlüsse darauf zu, wie viele verschiedene Individuen es in einem bestimmten Verbreitungsgebiet gibt. Rendells zusätzlich gesammeltes DNA-Material lässt bereits die Vermutung zu, dass die Pottwal-Population zwischen Gibraltar und Zypern nahezu isoliert im Mittelmeer lebt – und mit ihren Artgenossen im Atlantik nicht allzu nah verwandt ist.

Auch das Meeresforschungszentrum Alnitak geht vor der balearischen Küste auf Feldarbeit. Die Wissenschaftler haben dort allerdings nicht nur die Pottwale im Visier, sondern auch die ebenso im Mittelmeer beheimateten Finnwale, nach den Blauwalen die zweitgrößten Meeressäuger der Erde, sowie Delphine und Meeresschildkröten – oder aber einen Weißen Hai. 

Ein solcher war Alnitak Ende Juni vor Cabrera vor die Linse geschwommen – woraufhin sogar internationale Medien aufsprangen. Dass es auch ein Heringshai sein könne, wie das Meeresforschungszentrum kommentierte – sei’s drum, „Weißer Hai vor Mallorca“ ist natürlich die bessere Schlagzeile bei den vielen Balearen-Touristen, die da doch sofort um ihren langersehnten Strandurlaub fürchten. 

Wenn deren Interesse nur mal genauso groß wäre, wenn es um die Wale vor Mallorca und Ibiza ginge, sagt Ricardo Saraminaga. Der Biologe von Alnitak bedauert, dass sich Urlauber in der Regel nur für das tierische Leben vor der Küste interessieren, wenn es um ihr eigenes Wohl geht. Dass es „da draußen“ Wale gibt, sei bei ihnen genauso wenig präsent wie bei den meisten Insulanern. „Vielleicht, weil die Wale die meiste Zeit unter Wasser sind“, sagt der Biologe. Und zwar zuweilen auch beachtlich tief. 

Pottwale etwa tauchen gut und gerne mal 2000 Meter ab, um nach ihrer Leibspeise, den Tiefseekalmaren zu suchen. Damit gelten sie als die Meeressäuger, die am tiefsten tauchen können. Gut eine Stunde können die bis zu 20 Meter langen Kolosse unter Wasser bleiben, ehe sie zum Luftholen wieder an die Wasseroberfläche kommen, selbst dann nur für ein paar Minuten.

Menschen bekommen von den Walen vor der balearischen Küste also nicht viel mit. Trotzdem hatten frühere Generationen ein wacheres Bewusstsein für die Meeresbewohner. Saraminaga erzählt eine Anekdote: „Wir hatten mal eine Familie aus Menorca mit an Bord, als wir auf eine Gruppe von Pottwalen gestoßen sind. Sie wurden ganz bleich und haben sich dafür geschämt, dass sie immer Witze über ihren Großvater gemacht haben, der ihnen von den Walen im Mittelmeer erzählt hat. Sie dachten, er sei verrückt.“

Noch vor zehn Jahren hätte Alfonso Sánchez so jemanden wohl auch für verrückt erklärt. Heute arbeitet er bei der mallorquinischen Umweltorganisation „Alianza Mar Blava“ (Bündnis Blaues Meer), die sich vor allem gegen eine Erdölförderung im Mittelmeer einsetzt – und damit für die Wale. Beim Treffen in Palma hat Sánchez eine eigene Erklärung dafür, warum die Insulaner und mit ihnen die ausländische Öffentlichkeit nichts von den Walen im Mittelmeer weiß: „Die Fischer vor 150 Jahren wussten noch sehr gut, dass Wale ihre Konkurrenten sind. Aber dann hat sich das erledigt mit der Fischerei, weil hier kein großer Fang zu machen ist.“ So sei der Kontakt zu den Weiten des Meeres verloren gegangen und auch das Wissen darüber, was sich in seinen Tiefen tümmele. „Heute ist das Hauptgeschäft der Tourismus, und alle interessiert nur noch, was am Ufer geschieht – aber nicht in der Tiefsee.“

Das ist freilich anders bei Unternehmen, die im Mittelmeer auf lukrative Quellen für fossile Brennstoffe hoffen. Um gegen die in den vergangenen Jahren zu Hauf bei der Regierung eingegangen Anträge auf Erdöl-Projekte im spanischen Mittelmeerraum vorzugehen, hat sich 2013 die „Alianza Mar Blava“ gegründet. In sieben Fällen haben die Umweltaktivisten bereits so viele Unterschriften gesammelt, dass die Regierung nicht anders konnte als den ausländischen Firmen einen Korb zu geben. Alfonso Sánchez zufolge ist es für die Wale nicht erst ein Super-Gau, wenn Firmen tatsächlich fündig würden: „Schon die Suche nach Quellen ist eine enorme Bedrohung für die Wale, die über Echolot kommunizieren. Seismische Untersuchungen arbeiten mit Explosionen im Hochfrequenzbereich, deren Echo Rückschlüsse auf die Meeresbodenbeschaffung zulässt. Das ist um ein Vielfaches lauter als ein abhebendes Flugzeug und ein Horror für die Wale.“

Ganz zu schweigen von den Risiken, denen die Wale – und mit ihnen alle, die im Meer schwimmen – konfrontiert sind, wenn ein Erdölprojekt erst zustande kommt: Sánchez verweist auf die Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko vor acht Jahren, als rund eine Millionen Liter Erdöl ins Meer strömten.

„Wehret den Anfängen“ ist da das Motto der „Alianza Mar Blava“, die zuletzt ihr Ass im Ärmel zückte – oder besser ein Papier in der Regierungsschublade, das auf 1999 datiert: Schon damals ratifizierte die spanische Regierung die so genannte Konvention von Barcelona des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, worin beschlossen wurde, Belastungen, die auch Meeressäuger im Mittelmeer gefährden, möglichst Einhalt zu gebieten. „Aber die spanische Regierung hat seither nichts getan.“

Lediglich eine Untersuchung habe sie angestrengt, um die Hot-Spots der Wale in den spanischen Gewässern zu eruieren. 2004 wurde die Studie vorgelegt – doch seither passierte nichts. Dabei war schon damals klar, dass vor allem zwischen dem spanischen Festland und der Nordküste der Balearen ein sensibler Bereich für die Mittelmeerwale ist. Daran hat die „Alianza Mar Blava“ die unter Ministerpräsident Pedro Sánchez zur Jahresmitte neu zustande gekommene Regierung nun erinnert – und tatsächlich erreicht, dass der Wal-Korridor von 2004 nun in Kraft tritt.

„Das Ziel ist, die Tiere vor den Auswirkungen von Unterwasserlärm zu schützen“, sagte die neu amtierende Umweltministerin Teresa Ribera der spanischen Nachrichtenagentur Efe. Ölbohrprojekte sind in dem Wal-Korridor nun passé – bis auf dasjenige, das bereits vor der Küste Tarragonas ansässig ist und dessen Lizenz in fünf Jahren abläuft.

Alfonso Sánchez ist vorsichtig optimistisch: „Es ist ein Etappenziel. Wir wollen, dass nirgends im Mittelmeer Erdöl gefördert wird. Und ich bin sicher, dass die Wale das auch nicht wollen.“

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