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Sollen Pädagogen auch noch Wandertage, Klassenfeste, Klassenfahrten, Betriebs- und Sozialpraktika perfekt organisieren?
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Daran erkennt man einen guten Lehrer

Von Peter Struck
15:12

In Bayern ist gerade eine Grundschullehrerin strafversetzt worden, weil sie zu gut ist. Alle ihre Schüler hatten die vom Freistaat vorgegebenen Lernziele erreicht, keiner bekam eine 5 oder 6. Daraufhin wurde sie von der Schulaufsicht zur Rede gestellt mit dem Hinweis, dass bei einer Notenskala von 1 bis 6 sämtliche Stufen auszuschöpfen seien und dass der Klassendurchschnitt immer mit einer 3 anzusetzen sei. Das ist aber nun in besonderer Weise ungerecht, weil dann die Schüler in sozialen Brennpunkten besser benotet werden müssen als in Villenvororten mit lauter bildungsnahen und gutbetuchten Familien. Da sie ihr Verhalten nicht änderte, wurde sie schließlich an eine andere Schule versetzt.

Im „Journal of Human Resources“ erscheinen nun die Ergebnisse einer Studie, an der auch das Münchener Ifo-Institut beteiligt war, die in 31 Industriestaaten der OECD ermittelt hat, wie gut Lehrkräfte im Schnitt das Lesen und das Rechnen beherrschen. Danach wurden die Leistungen der Lehrer mit denen der Schüler verglichen, und siehe da, das Ergebnis war: Je höher die Kompetenzen der Lehrer, desto besser die Leistungen ihrer Schüler.

Je höher die Lehrer-Besoldung, desto besser die Schüler-Leistung

Die deutschen Lehrkräfte haben dabei insgesamt gut abgeschnitten: Beim Rechnen kommen sie auf den dritten Platz, beim Lesen auf den zehnten. Und wie so oft schon: Finnische und japanische Lehrer stehen ganz oben, chilenische und türkische ganz unten. Für Lehrerverbände ist dabei interessant: Je höher die Besoldung der Lehrkräfte, umso besser sind die Leistungen ihrer Schüler.

Der Neuseeländer John Hattie, der in Melbourne lehrt, hatte ja schon vor zehn Jahren ermittelt, dass das Wichtigste für den Schulerfolg die Persönlichkeit des Lehrers sei. Daran scheiterte schon der berühmte Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi; er hatte hervorragende und auch richtige Konzepte, die aber wegen seiner skurrilen Persönlichkeit überall zum Scheitern verurteilt waren.

Hattie definiert nach Auswertung von 800 internationalen und nationalen Schülerleistungsvergleichsstudien ebenso wie schon Jahrhunderte zuvor Erasmus von Rotterdam: Ein guter Lehrer vermag zu all seinen Schülern eine gute Beziehung aufzubauen, er kann ihnen gut zuhören, er wirkt mit Leidenschaft, er verfolgt gegenüber Schülern und auch Eltern stets eine klare Linie, er erreicht anspruchsvolle Lernziele, und schließlich gibt er jedem Schüler die Chance, seine Stärken voll zu entfalten. Das erinnert etwas an die vielzitierte „eierlegende Wollmilchsau“. Zum Glück wird nicht auch noch erwartet, dass er gut aussieht und geschmackvoll sowie modern gekleidet ist!

Jedes Jahr wird bundesweit nicht nur die beste Schule gekürt, sondern auch der beste Lehrer, meist auf Vorschlag von Schülern. Die Ergebnisse sind stets fragwürdig; denn ebenso wenig wie es eine an sich beste Schule gibt, denn ob eine Schule gut ist, entscheidet sich vom einzelnen Kind her, gibt es einen besten Lehrer. Ich kenne in Hamburg eine Lehrerin, die für zwei Schüler ihrer Klasse gut ist, weil sie für die beiden genau das präsentiert, was sie so dringend benötigen, und ich kenne andererseits einen sehr guten Lehrer, der für fast alle Schüler seiner Klasse gut ist, aber für zwei ganz und gar nicht. Im Übrigen kommen nur wenige Lehrer und Schulen in den Kandidatenkreis, so dass es irgendwo anders bestimmt noch bessere gibt.

Es fällt auf, dass bei der Begründung für die Kür des Deutschen Lehrerpreises immer das Wort „Begeisterungsfähigkeit“ auftaucht, also die Fähigkeit, Schüler für Unterrichtsstoffe zu begeistern; damit haben wir schon einen Aspekt für das, was einen guten Lehrer ausmacht. Früher nannte man das Motivationsfähigkeit. Das ist allerdings sehr wichtig!

Gehört aber für einen guten Lehrer auch dazu, in einer Klasse mit 36 Schülern überleben zu können? Oder nie krank zu werden? Oder Wandertage, Klassenfeste, Klassenfahrten, Betriebs- und Sozialpraktika perfekt zu organisieren? Oder gar die Integration von Migranten oder die Inklusion, also die gemeinsame Beschulung von Behinderten und Nichtbehinderten, optimal zu bewerkstelligen? Oder die Lust, über das 65. Lebensjahr hinaus Lehrer bleiben zu wollen? Oder teamfähig zu sein?

Klar ist, dass Seiteneinsteiger in den Beruf des Lehrers, die fachlich gut sein mögen, sozial- und sonderpädagogisch nicht so erfolgreich sein können, weil ihnen entsprechende Ausbildungs- und Fortbildungsanteile fehlen. Klar ist auch, dass die Lust, Lehrer zu sein, schwindet, wenn man alljährlich nur einen befristeten Anstellungsvertrag erhält und in den Sommerferien gar kein Honorar bekommt. Klar ist zudem, dass die Freude über die Gesichter junger Menschen nicht ausreicht, wenn das Schulgebäude marode ist, wenn es an der Ausstattung für einen modernen Unterricht fehlt und wenn Eltern mehr verlangen, als der Kräftehaushalt eines Pädagogen hergibt. Klar ist umgekehrt, wenn Eltern und Lehrer gut miteinander kooperieren, wenn Lehrer bereit sind, Hausbesuche zu machen und einzelnen Schülern nach Schulschluss Nachhilfe zu geben, so dass die Schüler merken, „an dem komme ich nicht vorbei“, dass sie dann erfolgreicher und beliebter sind.

Im Moment merken wir, wie wichtig es für Lehrkräfte ist, mit der Zeit zu gehen und flexibel zu sein, wenn es beispielsweise um die Erkenntnis geht, dass multimedial vernetzte Kinderzimmer zu anderen Hirnvernetzungen und damit zu einem ganz andersartigen Lernen in unseren jungen Menschen geführt haben, getreu dem Satz, dass heutige Lehrer einmal für Kinder früherer Zeiten ausgebildet wurden, die es heute gar nicht mehr gibt.

Schwierig ist für die jetzigen Lehrer außerdem, dass ihr öffentliches Ansehen durch die Bemerkung Gerhard Schröders, als er noch niedersächsischer Ministerpräsident war, zu einer Schülerzeitungsredaktion („Ihr wisst doch, was das gelegentlich für faule Säcke sind“), immer noch stark ramponiert ist. Zusammen mit einer durchwegs unzeitgemäßen Ausstattung der Schulen, wachsenden Schülerzahlen und damit zu hohen Klassenfrequenzen, der enorm ausgeweiteten Heterogenität der Lerngruppen durch Inklusions- und Integrationsprimate, der viel zu hohen Wochstundenverpflichtung, dem Ausbau Richtung rhythmisierte Ganztagsschule sowie der exorbitant gewachsenen Bürokratisierung des Schulalltags trifft leider allzu oft der Satz zu: „Der heutige Lehrer erinnert an einen Schiffbrüchigen, der in tosender See auf einem Floß sitzend versucht, mit Hilfe einer Apfelsinenkiste, die sich auch noch zufällig auf seinem Floß befindet, um ihn herumschwimmenden Delfinen beizubringen, wie ein Computer funktioniert.“

Eine bessere Schule mit einer höheren Zahl guter Lehrer setzt eine völlig veränderte Lehrerbildung und eine bessere Besoldung voraus, mit der dann ganz andere Menschen in den Beruf gelangen als heute noch – Menschen, die bereit sind, in einer Schule zu arbeiten, die nicht vorrangig für Lehrer da ist, sondern für Kinder und Jugendliche und für die Zukunft unserer Gesellschaft. Das kann nur eine Schule sein, die sich eher als kundenorientierter Dienstleistungsbetrieb und nicht mehr länger als so etwas wie ein Pflichtrestaurant mit Aufesszwang begreift.

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